“Killer einer jeden Betriebskultur”

Hans-Jürgen Honsa hat ein Buch über Mobbing und sexuelle Belästigung im öffentlichen Dienst verfasst

hansbuch(Artikel aus der Salzgitter Zeitung vom 10.01.2005 von Kerstin Loehr)

SALZGITTER. Mobbing ist mehr als ein Konflikt am Arbeitsplatz. Mobbing ist inszeniert. Es hat ein Ziel. Mobbing ist “Killer einer jeder Betriebskultur und zerstört bundesweit jährlich mindestens 2000 Menschenleben”, sagt Hans-Jürgen Honsa. Er ist seit 30 Jahren im Personalrat der Stadt Salzgitter und Lehrer im niedersächsischen Studieninstitut Braunschweig.

Diesem “Killer”, der im Berufsalltag immer übler sein Unwesen treibt, hat sich der Salzgitteraner an die Fersen geheftet: “Mobbing und sexuelle Belästigung im öffentlichen Dienst” heißt das 500 Seiten starke Werk, in dem Honsa, unterstützt von dem Flensburger Kollegen Ernst-Günther Paasch, Ursachen, Auswirkungen und Bekämpfungsstrategien aufzeigt.

Honsa, der bereits ein Buch über Alkohol- und Drogenmissbrauch im öffentlichen Dienst veröffentlicht hat, ist zwei Jahre lang in die Materie Mobbing eingetaucht.

“Es war ein Schock”

“Ich habe im Internet recherchiert und mit Betroffenen gesprochen”, blickt er zurück. “Für mich war es ein Schock zu sehen, wozu Menschen fähig sind. Und das gerade im öffentlichen Dienst oder in sozialen Einrichtungen – mehr als in Wirtschaftsunternehmen.” Bei Bundesbehörden gebe es zum Arbeitsplatzabbau Stellenpools, bei denen ein gewisser Mobbing-Faktor gar gewollt sei, berichtet er. Die Menschen, deren Mobbinggeschichte Honsa, wiedergibt, stammen aus ganz Deutschland. Auch aus Honsas Personalratspraxis – aus Salzgitter.

Ernst blickt der Autor über den Rand seiner Brille und erzählt. Vielfach müssten Opfer eine “dicke Wand des Misstrauens” abbauen, bevor sie ihre Geschichte offenbarten. Zu oft seien sie von vermeintlichen Vertrauten enttäuscht worden.

So wie Monika R.. Die junge Frau ist Zollbeamtin. Ihr Martyrium beginnt mit frauenfeindlichen Sprüchen eines Vorgesetzten, die sich zu sexueller Belästigung steigern. Ein Kollege lässt vor ihr die Hose runter, die anderen grölen. Der Druck steigt. Gerüchte werden gestreut. Die Frau wird krank – und versetzt. Sie kehrt zurück. Das Spiel geht weiter. Seilschaften brechen ihr beruflich das Genick. Mit 34 Jahren geht Monika R. in Zwangspension.

Mobbing hat viele Gesichter: Ein Soldat wird gehänselt und zum Onanieren gezwungen, eine Polizistin mit Handschellen gefesselt und an einen Garderobenhaken gehängt – sie sollte den “Frauenparkplatz” kennenlernen. Manuela B., Krankenschwester mit Leib und Seele, wird als “dienstgeil” verhämt, ihr werden Fehler angedichtet, bis sie irgendwann kündigt.

Tragisch der Fall von Uwe L. – Sozialarbeiter und Leiter einer Jugendfreizeitstätte in einer kreisfreien niedersächsischen Stadt. “Seine etwas längeren Haare, seine durch einen Auslandsaufenthalt geprägte unkonventionelle Art, stößt bei seinen eher bürokratisch geprägten Vorgesetzten nicht immer auf Gegenliebe”, schreibt Honsa. Uwe L. leidet an der Bechterewschen Krankheit. Er wird umgesetzt in ein anderes Amt. Statt Vorschusslorbeeren hagelt’s Gerüchte: Der Mann trinke.

“Er hat nie eine richtige Chance gehabt”, werden Kollegen später äußern. So steht es bei Honsa. Der Mann wird wieder versetzt, es geht ihm schlechter, gelegentlich greift er wirklich zur Flasche. Im Oktober 1999 findet ihn seine Familie im Auto: tot. Ein Schlauch hat die Auspuffgase ins Wageninnere geleitet.

“Oft werden Sündenböcke für eigenes Fehlverhalten gesucht – und im schwächsten Glied der Kette auch gefunden”, weiß Honsa über die Ursachen von Mobbing. “Unterlagen verschwinden, Dateien werden gelöscht, Arbeitsgeräte zerstört. Mobber sind kreativ”. Sogar Todesanzeigen für noch lebende Kollegen gehörten zum Repertoire.

Checklisten und Adressen

Personalräte hätten heute, so der Salzgitteraner, das Problem erkannt: “Auf Tagungen wird immer öfter über die Verwilderung der Sitten und die Rücksichtslosigkeit untereinander geklagt.” Man wisse, dass es sich bei den Tätern häufig um Personen mit einem schwach ausgeprägten Selbstwertgefühl handele, die einen autoritären Führungsstil bevorzugten. Die Opfer seien oft Exoten wie Künstler, Grafiker, Designer, Ingenieure, also nicht verwaltungsmäßig ausgebildetes Personal, das sich im bürokratischem Dickicht nicht zurechtfinde.

Honsa analysiert gründlich und anschaulich Ursachen und Auswirkungen von Mobbing, beschreibt die Symptome der Opfer – alles Stresssymptome wie Bluthochdruck, Angstzustände, Herzrhythmusstörungen oder Erbrechen – und stellt anhand von Gerichtsurteilen die Rechtslage dar. Hinzu kommen Checklisten verschiedener Mobbing-Forscher für Betroffene und Vorgesetzte sowie ein umfangreicher Anhang mit Adressen. Es ist kein Buch nur für Fachleute. Und es geht jeden an, denn “Mobbing mit seinen Krankschreibungen, Fehlzeiten, Kündigungen und Versetzungen kostet die deutsche Volkswirtschaft jährlich zwischen 80 und 90 Milliarden Euro”, sagt Honsa.

“Mobbing und sexuelle Belästigung im öffentlichen Dienst” – Ursachen – Auswirkungen – Bekämpfungsstrategien” von Honsa/Paasch ist erschienen im Erich Schmidt Verlag und kostet 59,80 Euro.

Gepostet unter Pressestimmen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>